Woran erkenne ich aggressives Verhalten?
Körpersprache und Ausdrucksverhalten von Hunden lesen und einschätzen zu können, unterstützt unsere Entscheidungen und Reaktionen, damit Situationen nicht eskalieren und es nicht dazu kommt, dass ein Hund beißt.
Im Umgang, Leben und Training mit Hunden, die Aggressionsverhalten zeigen, ist nicht nur ein umsichtiges Management wichtig, sondern auch das frühzeitige Einschätzen des Hundes in bestimmten Situationen, sowie das Verständnis von Körpersprache – denn nur so können wir die Sicherheit von uns selbst, anderen Menschen und Tiere gewährleisten.
Körpersprache beobachten, beschreiben und interpretieren
Um Körpersprache angemessen interpretieren zu können, müssen wir diese immer erst beobachten. Ich persönlich empfehle, wie viele meiner Trainerkollegen auch, ganz bewusst, das, was man gehört und gesehen hat, zu beschreiben. Dieser Zwischenschritt hilft uns dabei, nicht vorschnell zu schlussfolgern.
Es bedeutet beispielsweise, dass wir nicht sofort sagen “Der Hund fixiert”, sondern möglichst genau beschreiben – wie zum Beispiel “Der Hund schaut einen anderen Hund für fünf Sekunden an und ich sehe im Augenumfeld keine Bewegung.”. Im Ernstfall nimmt man sich dafür natürlich keine Zeit, aber um Körpersprache besser lesen zu lernen, ist es eine sehr gute und hilfreiche Übung.
Das objektive Beschreiben von Körpersprache hilft uns dabei unsere persönliche menschliche Brille, durch die wir alles sehen, zu erweitern. Jeder Mensch nimmt Situationen und auch die Körpersprache seines Hundes durch seine individuelle, menschliche Brille wahr. Diese wird bestimmt durch die Erfahrungen, die wir bisher gemacht haben, durch Emotionen, die wir in den Situationen empfinden und auch durch unsere Meinung.
Da wir alles durch unsere menschlichen Sinnesorgane wahrnehmen und diese Informationen durch unser menschliches Gehirn verarbeitet werden, können wir unsere menschliche Brille nie komplett ablegen – aber wenn wir das Beschreiben gezielt üben, können wir den Einfluss unserer menschlichen Brille minimieren und unsere Wahrnehmung buchstäblich erweitern. Erst dann sind wir in der Lage Körpersprache und Situationen angemessen zu interpretieren und uns auch mögliche Alternativen zu überlegen.
Was ist Körpersprache und welche Funktion hat sie?
Wenn wir Körpersprache von Hunden betrachten, sollten wir uns immer zwei Fragen stellen:
Welche Funktion hat die Bewegung, die wir sehen und welche Emotion liegt dieser zu Grunde?
Knurrt ein Hund mich an, weil ich ihm einen Kauknochen wegnehmen will, hat das Knurren eine Funktion – der Hund möchte, dass ich die Distanz zu ihm vergrößere und ihm den Kauknochen nicht wegnehme.
Die emotionale Grundlage ist in diesem Fall entweder die Angst, den Kauknochen als für den Hund wichtige Ressource zu verlieren oder die Angst vor mir, da ich zum Beispiel aufgrund meiner Körpersprache auf den Hund bedrohlich wirke und er sich selbst schützen möchte. Oft ist es auch so, dass der Hund sowohl seine Ressource als auch sich selbst schützen möchte.
Jegliche Beobachtungen und Einschätzungen müssen wir immer in Bezug auf die bestimmte Situation sehen, in der sich der Hund befindet.
Das Lesen von Körpersprache hilft uns dabei Entscheidungen zu treffen, angemessen zu reagieren und den Hund zu verstehen. Sie gibt uns Auskunft über aktuelles Befinden und den Zustand des Hundes. Gerade bei Aggressionsverhalten ist dies sehr wichtig, da wir nicht nur unseren Hund, sondern auch uns selbst, die Umwelt und andere Tiere schützen müssen.
Das Verständnis von Körpersprache hilft uns das Training anzupassen, über den Einsatz geeigneter Managementmaßnahmen (wie z.B. Maulkorb, Leine) nachzudenken und auch Problemen vorzubeugen. Beginnt mein Hund in einer Trainingssituation massive Anzeichen für Stress zu zeigen, wie zum Beispiel angespannte Muskulatur im Augen- und Maulbereich, vermehrtes Speicheln, vergrößerte Pupillen, eine angespannte Zunge und so weiter, dann passe ich mein Training an und lasse das Training zum Beispiel mit Entspannung ausklingen, bevor der Hund ein Verhalten zeigt, welches ich mir nicht wünsche. Danach überlege ich, warum der Hund so gestresst war und wie ich mein Training in Zukunft besser gestalten kann, um ein gesundes Maß an Stress für den Hund möglich zu machen.
Leider sind unserer Wahrnehmung auch Grenzen gesetzt, manche kleine Bewegungen beispielsweise der Zunge sieht selbst der erfahrenste Trainer nicht und unter die Oberfläche des Körpers oder in das Hundegehirn können wir auch nicht sehen. Es ist möglich, dass Ihr Hund Angst empfindet, gestresst ist oder sich freut, obwohl davon noch nichts an der Körperoberfläche sichtbar ist.
Warnzeichen für aggressives Verhalten?
Normalerweise zeigt ein Hund bestimmte Signale mit Hilfe von Körpersprache, bevor er aggressiv reagiert – dennoch kann es sein, dass ein Hund gelernt hat, dass es sich nicht lohnt andere Signale wie zum Beispiel Knurren zu zeigen oder der Hund hat gelernt, dass es für ihn unangenehm wird, wenn er diese zeigt.
Wird einem Hund beispielsweise das Knurren verboten, könnte dieser Hund den für uns doch falschen Weg wählen und heftiger reagieren mit Abschnappen oder sogar Beißen, wenn er sich in einer für ihn ausweglosen Situation befindet.
Wir sollten deshalb die Signale unserer Hunde ernst nehmen und versuchen diese zu verstehen, denn dann können wir viel besser an Veränderungen arbeiten ohne wichtige Signale zu verbieten oder zu unterdrücken, die Beißvorfälle vermeiden sollen.
Die Auflistung der körpersprachlichen Signale folgt keiner starren Abfolge, sondern stellt in der Theorie die möglichen Stufen einer Entwicklung dar.
Konfliktsignale
Diese Signale zeigt ein Hund, wenn sich sein Gehirn in einem Konflikt befindet.
- Blinzeln
- Gähnen
- Züngeln
Ein Hund gähnt beispielsweise, wenn er körperlich erschöpft, geistig aber noch sehr erregt ist. Ein Hund gerät auch in einen Konflikt, wenn er beispielsweise das Signal “Sitz” ausführen soll, ihm aber dieser Vorgang Schmerzen bereitet.
Was wir am Hund wahrnehmen, müssen wir immer im Kontext der Situation beachten. Wenn wir Konfliktzeichen an unserem Hund sehen, sollten wir überlegen, was das für Ursachen haben könnte. Konfliktzeichen bedeuten immer, dass es im Hundegehirn arbeitet – aber wir Menschen wissen, dass sich so ein Konflikt nicht immer gut anfühlt und wenn in solchen Momenten der Hundehalter beispielsweise auf das “Sitz” besteht, kommt zudem ein großer sozialer Stressor für den Hund dazu.
Nicht jedes Züngeln ist ein Konfliktzeichen – Hunde züngeln auch, wenn sie Futter erwarten.
Distanzvergrößernde Bewegungen
Diese Bewegungen zeigt ein Hund, wenn er den Abstand zu einer Bedrohung oder einem Angstauslöser vergrößern möchte.
- Blick abwenden
- Kopf wegdrehen
- kompletten Körper wegdrehen
- Hinsetzen
- Vorderpfote anheben
Möchte sich der Hund, der Schmerzen hat, nicht auf das Signal hin setzen und der Hundehalter beginnt den Hund auszuschimpfen, was diesem Hund bedrohlich und unangenehm ist, dann besteht die Möglichkeit, dass dieser Hund darauf seinen Kopf vom Menschen abwendet.
Führen diese Distanzvergrößerungen nicht dazu, dass die Bedrohung aufhört, dann wird der Hund versuchen noch mehr Distanz zum Angstauslöser Mensch zu schaffen. Er zeigt dann verstärktes Meide- oder auch Fluchtverhalten. Es liegt dabei immer die Emotion Angst zu Grunde, welche das distanzvergrößernde Verhalten auslöst.
- Weggehen
- Ohren zurück nehmen
- tiefe Körperhaltung
- Rutenansatz unten, Ruten wird unter dem Bauch gehalten
- Rücken gekrümmt
- Liegen (Der Hund wird dabei vielleicht auch ein Bein anheben.)
Die Haltung von Rute oder Ohren muss natürlich im Bezug auf die Haltung dieser Körperteile im entspannten Zustand betrachtet werden, denn nicht jeder Hund sieht gleich aus.
Viele Hunde nehmen ihren Rutenansatz auch herunter, wenn sie konzentriert arbeiten (zum Beispiel beim Shaping oder bei Suchaufgaben) oder wenn sie fressen.
Beobachten Sie doch einfach einmal die nächsten sieben Tage Ihren Hund und notieren Sie seine Ohren- und Rutenhaltung in den verschiedensten Situationen, wie zum Beispiel beim Fressen, beim Suchen des Balls, bei der Begrüßung bekannter Personen, bei der Begrüßung von befreundeten Hunden, beim Schlafen und so weiter. So erhalten Sie nicht nur einen Überblick über die individuelle Körpersprache Ihre Hundes, sondern Sie schulen gleichzeitig Ihre Beobachtungsgabe.
Drohverhalten
Drohverhalten kann nach Angstverhalten folgen, wenn Meiden und Flüchten keinen Erfolg bringen, also die Bedrohung nicht schwächer wird.
Es besteht auch die Möglichkeit, dass die distanzvergrößernde Bewegungen, die ein Hund zeigt, noch deutlicher werden – ob und wann ein individueller Hund zur Option des Drohverhalten greift, kann man im Vorfeld nicht genau sagen.
- Erstarren
- Harter Blick (Vergrößerung der Augen und Einfrieren des gesamten Gesichts)
- wenig Seitwärtsbewegung
- Knurren
- Schnappen
Generell gilt: Je weniger Bewegung im Hundekörper zu sehen ist, umso bedrohlicher ist die Situation.
Aggressionsverhalten
Wenn das Drohverhalten seine Funktion nicht erfüllt und die Bedrohung nicht Abstand zum Hund nimmt, folgt:
- Beißen
Übersprungsverhalten
Ein kurzer Blick auf Übersprungsverhalten ist wichtig, da dies immer eine Antwort auf Stress oder Frustration ist. Stress und Frustration lassen das Erregungsniveau des Hundes ansteigen und begünstigen damit aggressives Verhalten.
Wenn ein Hund Übersprungsverhalten zeigt, wurden vorher kleinere Konfliktzeichen übersehen. Es kann uns einen Hinweis darauf geben, welche Situationen für den Hund schwierig sind, denn nur so können wir mit Training dem Hund und uns das Leben leichter machen und damit auch aggressivem Verhalten vorbeugen.
Übersprungsverhalten ist sehr vielfältig. Es können Verhaltensweisen aus dem Bereich der Nahrungsaufnahme oder der Körperpflege sein, wie zum Beispiel das Kratzen hinter dem Ohr oder das Aufnehmen von Nahrung oder Gegenständen. Oft sind es auch Verhaltensweisen, bei denen sich der Hund viel bewegt, zum Beispiel Kreise rennt oder auch Jagdverhalten zeigt.
Es ist also auch von großer Bedeutung, dass wir Verhalten im Kontext betrachten und uns die Frage stellen, ob der Hund vorher schon Konflikt- oder auch Stresssignale gezeigt hat.
Stresssymptome und Stress beim Hund zu erkennen ist sehr wichtig, da man Anzeichen für Stress bei ängstlichen und auch aggressiven Hunden sieht. Außerdem zeigt ein gestresster Hund schneller Aggressionsverhalten. Lesen Sie mir zum Thema Stress in meinem nächsten Artikel.
Bevor ein Hund aggressiv reagiert, zeigt er im besten Fall andere Signale, die uns darauf hinweisen können, dass die Möglichkeit einer Eskalation droht. Leider besteht immer die Gefahr, dass ein Hund zum Beispiel kein Knurren zeigt, wenn es ihm verboten wurde oder die Bedrohung zu groß ist.
Mit geeignetem Training haben wir es in der Hand, Strategien des Hundes fernab von Aggressionsverhalten zu verstärken und funktional zu machen und wir können mit dem Wissen um die Feinheiten in der Körpersprache von Beginn an aggressives Verhalten verhindern.








